Westberlin in den 70ern. Eine Inselstadt, eingemauert, zerrissen – aber voller Energie. Und irgendwo zwischen Baulücken, Brachen und grauen Brandmauern begannen sie aufzutauchen: bunte Zeichen des Widerstands. Schriftzüge an Hausfassaden, später ganze Wandbilder.
Diese Wände erzählen Geschichten. Sie sind Gesichter ihrer Zeit und Zeugen des Wandels.
Zeiten-Wände eben.
In Westberlin tauchten die ersten Farben an Häuserwänden Anfang der 70er Jahre auf, zunächst in Form von Graffitis, später auch als großflächige Wandgemälde.
Vandalismus oder Kunst? Die Meinungen gingen auseinander.
Für die „Writer“ – wie sich die jungen Sprayer nannten – war klar: Wir machen das nicht für die Kunstwelt. Unsere Bühne ist die Straße. Unsere Botschaft: Subversion. Autonomie. Protest.
Ihre Vorbilder fanden sie in der New Yorker Bronx. Sie selbst sahen sich als Teil der Berliner Haus-/Instand-Besetzer-Szene.
Auch Profis tauschten die Leinwand gegen die Hauswand – und schufen großflächige Kunstwerke. Ihre Themen: Militarismus, Umwelt, Medien.
Und Berlin war dafür wie gemacht:
überall kahle Brandmauern, Narben des Krieges oder Folgen verfehlter Stadtplanung
(atmosphärisch stark: Wim Wenders Film „Der Himmel über Berlin“ von 1987).
Der Berliner Senat erkannte schnell das Potenzial:
1978 startete das Programm „Farbe im Stadtbild“. Drei Millionen Mark für bunte Wände – und ein besseres Image. Die ursprüngliche Subkultur wurde plötzlich städtisch gefördert.
Doch nichts ist für die Ewigkeit – viele Werke blätterten ab oder verschwanden hinter Neubauten.
Seit der Jahrtausendwende erlebt Street Art einen weltweiten Aufschwung.
Künstler wie Banksy oder der Franzose JR wurden die Stars der Szene.
Banksy, mit seinen kleinflächigen, in subversiven, fast überfallartigen Aktionen gesprühten Bildern.
JR mit seinen überdimensionalen Fotografien, an Fassaden, Treppen oder auf Plätze geklebt und mit politischen Aktionen verknüpft.
Beide hochpolitisch und Partei ergreifend für die sozial Schwachen dieser Welt. Sie sind weltweit ein Begriff.
Auch Berlin war voll dabei. 2017 – 2019 gab es das jährliche „Berlin Mural Fest“, großformatige Werke entstanden in Kreuzberg, Friedrichshain, Moabit, später auch in den Außenbezirken Marzahn und Lichtenberg.
Stilistisch ist Berlin breit aufgestellt:
von Popart über Foto-Realismus bis zum (traditionellen) Illusionismus – alles ist vertreten.
Hier weitere Beispiele von Berliner Wänden:
Statt gesellschaftskritischer Motive zählen heute meist nur Ästhetik und Originalität.
Denn mit der Popularität kam auch der Kommerz. Heute bezahlen oft Bauherren, Investoren oder Firmen für Street Art an ihren Objekten. Finanziell ein Riesenerfolg für die Künstler – aber auch Anlass zur Debatte:
Was bleibt von der Rebellion, wenn sie zum Event wird?
Waren Street-Art-Aktivisten und Immobilien-Investoren einst „natürliche Feinde“, so verschmelzen heute (Straßen-) Kunst und Kommerz immer mehr, was manchem Künstler Bauchschmerzen verursacht.
Ein Bild bringt diesen Konflikt auf den Punkt: MTOs Werk „There’s no such thing as bad publicity“ (2018) in Friedrichshain.
Dargestellt: ein Street-Art-Künstler, der Werbetafeln an die Hauswand sprüht – und eine echte Reklame gleich integriert.
Ironisch. Selbstkritisch. Sehenswert.
Auch die spezielle Berliner Geschichte, die Teilung der Stadt in Ost und West, wird an Mauern und Wänden thematisiert.
So an der East-Side-Gallery auf einem Reststück der Berliner Mauer.
Und entlang der Bernauer Straße, auf der sich einst dramatische Szenen beim Mauerbau 1961 abgespielt hatten.
Marcus Haas u.a., The Meat, 2016, Bernauer Straße
Messergravur: „Berlin 1961-1989“;
Fleisch-Maserung = Berliner Bezirke
Street Art ist heute so vielfältig wie nie – stilistisch, politisch, kommerziell. Doch eines hat sich nicht geändert: die Kraft dieser Bilder den öffentlichen Raum zu verwandeln.
In Berlin erzählen sie weiter: Geschichten vom Aufbruch, vom Protest, vom Wandel.
Zeiten-Wände eben. Im Osten wie im Westen.
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