Zeitenwende.
Seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine ein gängiger Begriff in der deutschen Politik.
Zeitenwände.
Dieser Begriff kam mir in den Sinn, als ich durch die Straßen Berlins schlenderte und immer wieder auf bunt bemalte Fassaden an Häusern stieß – in Friedrichshain, Mitte, Lichtenberg oder Marzahn. Kunst im öffentlichen Raum der DDR. Überbleibsel einer vergangenen Epoche. Diese Fassaden erzählen Geschichten. Sie sind Gesichter ihrer Zeit und Zeugen des Wandels.
Zeiten-Wände eben.
Anarchistische Street Art oder Graffitis wie im West-Berlin der 70er und 80er Jahre gab es in der DDR nie. Was es aber gab, war staatlich beauftragte und finanzierte Kunst im öffentlichen Raum.
Und anders als im Westen wurden diese Werke nicht in subversiven Aktionen mit billiger Farbe auf Hauswände gesprüht. Farbe, die nach wenigen Jahren verblasste oder abblätterte. Nein, hier im Osten wurde seriös und gründlich gearbeitet in Form von Fresken und Stein-Mosaiken.
Die Werke sind daher auch heute noch zu sehen. Vor allem rund um den Alexanderplatz – dem Herzen des ehemaligen Ostberlin.
Noch bis kurz vor dem Ende der DDR entstanden in Ost-Berlin zahlreiche öffentliche Wandgemälde und -mosaike.
Spektakulär das Werk „Monimbó“ von dem nicaraguanischen Maler Manuel Garcia Moia in Berlin-Lichtenberg aus dem Jahr 1987.
Selbst eine Annäherung an die Westberliner Street-Art-Szene lässt sich beobachten. Das Wandbild „Pankower Marktleben“ von Dieter Gantz aus dem Jahr 1987 orientiert sich in alter DDR-Tradition motivisch zwar weiterhin am Alltag der Menschen, gestalterisch könnte es aber ebenso an einer Westberliner Fassade zu finden sein.
Die Kunst in der DDR war von Anbeginn politisch bestimmt. Der Kunst der Moderne bzw. des Westens konnten die DDR-Kultur-Funktionäre nie etwas abgewinnen. In den 50er Jahren waren ihnen deren experimentellen Ansätze absolut verpönt.
Sie sei intellektuell und nihilistisch, abgehoben und dekadent, abstrakt und formalistisch. Eine solche Kunst entspreche nicht der neuen Zeit. Die neue Kunst sollte stattdessen für die „Werktätigen“ verständlich sein, volksnah, optimistisch, figurativ. Sie sollte nah an der Wirklichkeit sein – und dem Aufbau des Sozialismus in der DDR und dem Frieden der Völker dienen.
Die Motive sollten dem Leben der Menschen entstammen, sollten Arbeiter und Bauern, Jugendliche und ganz allgemein optimistische Menschen zeigen, die etwas bewegen wollten. Stilistisch wurde ein Anknüpfen an die Spätromantik bzw. an den Spätrealismus des ausgehenden 19. Jahrhunderts gefordert.
Kunst sollte nicht nur in Museen und Galerien, sondern auch im öffentlichen Raum präsentiert werden. Denn Kunst sollte allen Menschen zugänglich sein, ohne Hemmschwellen, die für viele mental beim Betreten von Galerien bestehen. Dabei bedeutete öffentlicher Raum nicht nur öffentliche Straßen und Plätze, sondern auch öffentlich zugängliche Räume wie Schulen, Sporthallen oder Kindertagesstätten.
Karl Hillert, Denkmal für die Erbauer Marzahns, 1988
Doch all dieses Sollen, dieser verpflichtend vorgegebene Sozialistische Realismus nach dem Vorbild der Sowjetunion stieß bei vielen Künstler auf Widerstand.
Und dies in einer Zeit, in der sich die Unzufriedenheit vieler Menschen mit dem politischen System der DDR immer deutlicher zeigte (Der wunderbare Film „Werk ohne Autor“ von Florian Henkel von Donnersmarck (2018) veranschaulicht in Anlehnung an die Biografie Gerhard Richters subtil diesen Konflikt zwischen Künstlern und rigider Kunstpolitik in der DDR der 50er Jahre).
Dass die geforderte optimistische Aufbruchstimmung der sozialen und politischen Realität nicht standhielt, zeigt sich am Wandbild „Aufbau der Republik“ am heutigen Finanzministerium in der Wilhelmstraße. Das 1952 von Max Lingner geschaffene Werk zeigt Szenen aus der Landwirtschaft und Schwerindustrie mit fröhlich-optimistischen Arbeitern und Bauern, Pionieren und FDJ-Mitgliedern im freundschaftlichen Austausch mit SED-Funktionären, ein inhaltlicher Bezug zum damaligen Bau der repräsentativen Stalin-Allee ist nicht zu übersehen.
Und genau vor diesem Gebäude, in dem 1949 die DDR ausgerufen worden war und in dem die DDR-Volkskammer tagte, kulminierte am 17. Juni 1953 der Protest der Arbeiter in der Stalin-Allee gegen die Verschlechterung ihrer Arbeitsbedingungen und endete im Aufstand großer Teile der Bevölkerung gegen das DDR-Regime. Ein Aufstand, der mit Hilfe sowjetischer Panzer niedergeschlagen wurde.
Dieser Aufstand bedeutete zugleich das Ende der rigiden Kultur- und Kunstpolitik der SED.
Es kehrte eine gewisse Liberalisierung in der DDR-Kunstszene ein, ein Wiederanknüpfen an die Kunst der Moderne war nicht mehr kategorisch ausgeschlossen.
Standen bis in die 50er Jahre Arbeiter und Bauern im Zentrum der bildenden Künste, so änderte sich dies ab den 60er Jahren. Ein neuer Fortschrittsglaube trat in den Vordergrund. Bilderzyklen thematisierten zunehmend das Schlagwort von der wissenschaftlich-technischen Revolution in der DDR, sie prophezeiten den ideologischen und technologischen Sieg des Sozialismus über den Kapitalismus. Als Ingenieure einer siegreichen Zukunft präsentierten sich Wissenschaftler in weißen Kitteln, die elektronische Datenverarbeitung vernetzte nach und nach verschiedene Produktionsbereiche.
Exemplarisch stehen dafür die oben beschriebenen Werke am Alexanderplatz aus den 1960er Jahren.
Trotz aller politischen Vorgaben – diese Kunst ist ein eindrucksvolles Zeugnis. Von einem Land, das verschwunden ist. Und von Menschen, die mit Kreativität ihre Spuren hinterlassen haben.
Zeiten-Wände eben – wenn man genau hinsieht.
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