… ich war in dieser Zeit beruflich und auch privat öfters in Berlin. Die Stadt hatte mich schon immer fasziniert. Und die Zeit nach der Wende war besonders spannend – vor allem im Osten der Stadt, im Prenzlauer Berg, in Friedrichshain, in Mitte. Oft zog ich stundenlang durch Ostberlin.
Die Häuser waren meist grau, die Straßen am Abend nur schwach beleuchtet. Eine eigentümliche Stimmung lag in der Luft: morbide, fremd und zugleich durchaus prickelnd. Die Hackeschen Höfe nahe der Museumsinsel lagen noch im Dornröschenschlaf, der Hackesche Markt war weitgehend menschenleer.
Erste Bars und Restaurants zogen in die Backstein-Bögen unter der S-Bahn ein, unsicher, ob das gastronomische Konzept aufgehen wird.
Vom Hackeschen Markt führte die Oranienburger Straße zur Friedrichstraße – Namen und Orte, die an bewegte Zeiten erinnerten.
… wie ich diese Straße erstmals entlangging, an einem kühlen Abend im Herbst, unter schummrigen Straßenlaternen, vorbei an Damen in langen Lederstiefeln und kurzen Röcken.
Da sah ich vor mir auf der anderen Straßenseite ein bläulich-zuckendes Licht aus einem maroden Gemäuer auf den Gehsteig fallen. Das schwere Tor eines fast schwarzen Gebäudes war einen Spalt weit geöffnet.
In einer nur spärlich beleuchteten Halle standen zwei Männer in schwerer Arbeitskleidung mit Schutzmasken vor dem Gesicht und Schweißgeräten in der Hand. Weiß-gelbe Funken stoben umher. Die Männer hantierten an kühnen Konstruktionen aus metallenen Rohren und schweren Eisenträgern. Eine gespenstische Szene.
Was war das denn?, dachte ich. Krass!
Später wurde mir klar: Es war kein Blick in die Vorhölle – es war ein Blick auf die Kleinkindtage des bald legendären Tacheles.
(Tipp: Der grandiose Film „Oh Boy“ mit Tom Schilling spielt teilweise im Tacheles. Absolut sehenswert)
Zurück zur Übersicht Lost Places